Die zarten Anfänge

Wenn etwas Großes zu Ende geht denkt man meist an die Anfänge zurück: meine Liebe zu Google begann im Herbst 1998. Im PC-Pool der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock hing ein Zettel mit dem Hinweis, doch bei einer Webseite namens google.com zu suchen, wenn man etwas im Web finden möchte und nicht mehr im Yahoo-Katalog. Diese Hinweise von Erst-Nutzern waren es auch, die den Erfolg dieser Firma mit begründet haben. Auf der anderen Seite folgte man dieser Empfehlung gerne, da die Suchresultate hervorragend waren.

Damit war auch meine Liebe zu Google geboren. Man suchte nicht mehr, man fing an zu „googeln“.  Jahrelang machte ich intensiv Gebrauch von Google, verfolgte jede Neuerung, las alles was ich über die Firma in die Finger bekam, machte sogar meine berufliche Zukunft als Suchmaschinenoptimierer (SEO) von Google abhängig und war schlicht und ergreifend überwältigt von der beeindruckenden Technologie, welche diese smarten Meschen auf die Beine stellten. Google hatte (und hat noch immer) den größten und gleichzeitig aktuellsten Index aller Suchmaschinen (je größer der Index einer Suchmaschine ist, desto größer ist die Chance zu finden, was man sucht).

Erste Kritik

Die erste Kritik an Google erreichte mich kaum. In den SEO-Foren las man beispielsweise immer wieder den Satz „Google is broken“, aber der kam nur von Leuten die das SEO-Spiel nicht beherrschten und war nicht mehr als ein Ausdruck von Wut, wenn ihre Webseiten (meist zu Recht), von Google bestraft wurden. Die Suchergebnisse selbst wurden von Jahr zu Jahr besser.

Danach kam die „Datenschutzkritik“ auf, die im Kern (zumindest in Deutschland) darauf basierte, dass wir Informationen zu großzügig an ein amerikanisches Unternehmen weitergeben würden. Dies ist im Zeitalter der freiwilligen, EU weit organisierten Weitergabe von Finanz- und Flug-Daten an amerikanische Geheimdienste eine kaum zu überbietende Doppelzüngigkeit, der staatlich bestellten „Datenschützer“. Aber auch zu dieser Zeit wurden die Suchergebnisse noch von Update zu Update besser und die Kritik ließ mich kalt.

Der Anfang vom Ende

Es kamen in schneller Folge immer mehr Google-Dienste mit wechselndem Erfolg auf, ich testete alle und nutzte manche. Langsam begann der Horizont sich jedoch zu verdunkeln: Google begann verstärkt die Suchergebnisse mit eigenen Diensten anzureichern – Videos, Bilder, Maps, News, Products, Books, usw. –  die „Universal Search“ wurde geboren. Anfänglich war das noch ein nettes Feature, das bei manchen Suchanfragen erschein, bei denen es meist auch hilfreich war. Aber die Einbindung wurde immer aggressiver und verstellt inzwischen die Sicht auf die eigentlichen (nach wie vor) oft relevanten Suchergebnisse.

Es ist auch klar warum Google diese Strategie verfolgt, als Unternehmen müssen sie Geld verdienen, dies machen sie mit bezahlter Webung („AdWords“). Was wiederum nur geht, wenn die Leute möglichst lange und intensiv auf der eigenen Webseite bleiben. Bei einer guten Suchmaschine bleibt man darüber hinaus nur Sekunden und verschwindet zu den Dokumenten die man dort gefunden hat. So weit so nachvollziehbar. Spätestens jedoch als Google anfing die Vielfalt der Shops und Preisvergleiche aus den Suchergebnissen zu verbannen und die Nutzer auf den eigenen (schlechteren) Dienst („Google Products“) zu leiten, hörte der Spaß auf. Deswegen haben auch sowohl die EU als auch die USA inzwischen Wettbewerbs- bzw. kartellrechtliche- Ermittlungen gegen Google aufgenommen.

Der Niedergang beschleunigt sich

Aber es wird immer schlimmer: der Ausbau von „Universal Search“ (also Googles eigener Dienste in den Suchresultaten) nimmt täglich an Umfang zu. Neue „Hilfen“ wie „Google Suggest“ (die Vorschläge beim Tippen in der Suche) – welche ich lange Zeit intensiv nutzte – manipulieren die Suchenden ganz sanft dazu bestimmte Begriffe zu nutzen und andere nicht mehr, während die Surfer noch weniger nachdenken bevor sie etwas suchen. Dies hört sich harmlos an ist aber ein schleichender Angriff auf die Medienkompetenz (oder hier Internet-Such-Kompetenz) der breiten Masse.

Zu sehen ist das veränderte Suchverhalten laut Googles eigenen Daten ("Insights for Search") seit der Einführung von "Google Suggest" in Deutschland im März 2009. Am Beispiel verschiedener Suchbegriffe zum Thema "Flugsuche" ist zu sehen wie die Pluralität zu Gunsten des Top Vorschlages abstirbt und die Webseiten, die nur zu den anderen Begriffen gefunden wurden, ohne Nutzer dastehen.

Auch die penetrante und immer stärkere Personalisierung der Suchergebnisse ist in meinen Augen eine völlige Sackgasse. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte dieser Irrweg durch die Einführung von „Social Search“ (was haben „Freunde“ von mir gesucht oder bewertet) und der dämlichen Facebook-Kopie des Like-Buttons namens „Plus-One“. Ich brauche diesen Krempel einfach nicht, er verschlechtert meine Suchergebnisse. Es hilft mir in keiner Weise weiter was dort geboten wird. Ich suche und recherchiere am Tag die unterschiedlichsten Themen, ich habe die unterschiedlichsten „Freunde“ in sozialen Netzwerken aus privaten wie beruflichen Gründen und die Schnittmenge aus diesen unterschiedlichen Bereichen führt letztendlich nur zu einer Verschlechterung der Suchergebnisse! Ein paar Praxisbeispiele:

  • Es ist keine Hilfe, wenn ich auf der Suche nach einer neuen Fehlermeldung einer bestimmten Software vier Seiten deutsche SEO-Foren vorgeschlagen bekomme, weil ich oft entsprechende Ergebnisse klicke und die englischen Fach-Blog-Posts, mit den Informationen die ich eigentlich suche, erst ab Seite fünf zu finden sind.
  • Es hilft mir nicht, dass mir Google auf der Suche nach der Adresse eines bestimmten Restaurants in meiner Nähe, weit entfernte Indische Restaurants vorschlägt, weil ich vorher wegen einer Kunden-Rezept-Webseite nach indischem Essen gesucht habe und es in der Umgebung keine Inder gibt.
  • usw. usw…

Wir haben uns nichts mehr zu sagen

Endgültig versaut hat es Google meiner Ansicht nach mit der Einführung von „Instant Preview“ (dem Erscheinen von Suchergebnissen noch während man tippt). Dieser „Service“ ist völlig kaputt! Aber auch viele „Neuerungen“ der letzten Monate, die nicht so auffällig waren, hindern einen zunehmend daran, zu finden was man sucht.

  • Google Instant verbraucht beim Surfen über UMTS unglaublich viel Bandbreite (weil im Hintergrund bei jedem Buchstaben massiv Daten ausgetauscht werden).
  • Bei langsamer Netzanbindung hängen die Resultate oft bei einem unsinnigen Zwischenergebnis und ich bekomme keine Resultate mehr für das was ich eigentlich getippt habe (auch nicht wenn ich noch mal auf den Suchen-Button drücke) weil Google „denkt“ es hätte alles fertig geladen. In diesem Fall muss ich noch einmal komplett das ganze Suchwort neu eintippen, meist auch noch einmal über die Startseite gehen.
  • Wenn ich mit den Pfeiltasten im Suchschlitz navigiere, weil ich etwas ändern möchte „denkt“ Google durch die Suchresultate scrollen zu müssen, oder springt durch die Google-Suggest-Vorschläge. Das selbe Problem habe ich, wenn ich bereits einmal geklickt habe und auf der Ergebnisseite scrollen möchte.
  • Wenn ich nicht exakt auf die einzelnen Suchergebnisse klicke, bekomme ich die (meist nutzlose) Seitenvorschau. Dieser „Service“ bleibt aktiv bis ich die ESC-Taste drücke!
  • Entscheidet Google mit seiner (grundsätzlich durchaus brauchbaren) Korrektur-Hilfe („Meinten Sie?“), dass ich etwas anderes gemeint haben müsste, als das von mir gesuchte, bekomme ich trotzdem die Ergebnisse vorgesetzt, die ich NICHT meinte. Dies ist besonders ärgerlich in den Fällen in denen es nicht um Rechtschreibfehler sondern um Spezialthemen (Produkte, Informatik usw.) geht, bei denen Google oft einfach daneben liegt. Klicke ich in einem solchen Fall dann auch noch auf die zweite Seite und wieder zurück auf die erste, ändert Google sogar den von mir eingetippten Suchbegriff im Suchschlitz! Dann  muss ich ihn komplett neu eingeben, wenn ich ihn verfeinern will.

Einen Teil der ärgerlichen “Neuerungen” kann man immerhin abschalten, dies ist aber nach dem Löschen des Browser-Cookies (welchen mein Browser standartmäßig und zu Recht entfernt) jedoch vergessen. Die “Alternative” ist sich einzuloggen und permanent alle Aktivitäten im Web von Google aufzeichnen zu lassen. Beides ist eine Zumutung und geht auch anders (dazu kommen wir etwas später).

Ein Fazit daraus? Das Ende

Was bleibt von der tiefen Zuneigung vom Anfang? Nach wie vor bin ich von der von Google eingesetzten Technologie sowie der Größe und Aktualität des Index beeindruckt.

Nach wie vor liefert Google auch relativ gute Ergebnisse. Zumindest, wenn man nicht zu spezifisch sucht, die ausgetretenen Pfade der von Suggest vorgeschlagenen Suchbegriffe nicht verlässt oder nur sehr allgemeine Dinge wie „Digitalkamera“, „amazon.de“ oder „Fernsehprogramm“ sucht. Die relevanten Ergebnisse aus den Weiten des Internets werden aber immer mehr von den Google eigenen Diensten (die meist nicht das sind, was man sucht) auf die hinteren Ergebnisseiten verdrängt.

Die zunehmende Bevormundung bei der Suche in Form von Suggest oder „Meinten Sie“ behindern mich jedoch immer stärker bei meiner täglichen Suche im Web. Letztendlich machen die von Google vorgenommenen „Optimierungen“ die Suchresultate umso unsinniger je spezifischer ich suche. Das kann nicht das Ziel eines solchen Services sein!

Die Alternative

Als vergleichbare Alternativen gibt es wegen der erheblichen Investitionen, die eine allgemeine Web-Suchmaschine erfordern, nur Yahoo oder Bing.

  • Yahoo! hatte immer einen Index, der etwas kleiner als Google war (das ist wie gesagt schlecht, wenn man Dinge sucht, die nur wenig im Web zu finden sind) aber eine sehr ähnliche und relevante Sortierung der Ergebnisse. Leider haben sie Ihr Suchgeschäft aufgegeben und nutzen die Suchtechnologie von Microsofts Bing (in Deutschland sind es noch eigene Resultate, aber das ist nur eine Frage von Monaten bis auch das umgestellt wird).
  • Somit bleibt nur noch Microsofts-Bing übrig. Die Ergebnisse dieser Suchmaschine (früher als MSN bekannt) sind zwar seit der Umbenennung sehr viel besser geworden, dies ist jedoch kein Wunder, wenn man sich erinnert WIE schlecht sie jahrelang waren. Abseits der Mainstream-Suchergebnisse (in denen Google nach wie vor hervorragend funktioniert) sind die Resultate von Bing leider auch eher dürftig. Bing hat ebenfalls einen kleineren Index als Google und kann daher oft keine brauchbaren Ergebnisse liefern, wenn man spezielle Themen sucht. Außerdem werten sie das Klickverhalten von Surfern des Internet-Explorers (dem Windows Standard-Browser) aus, um ihre Suchergebnisse zu verbessern. Das wirft nicht nur einige Datenschutzfragen auf sondern führt in nachgewiesener Weise auch dazu, dass sich Bing-Resultate an Google Resultaten annähern. Microsoft hilft also in mehrfacher Weise nicht weiter: weil es weniger Ergebnisse hat, gleichzeitig Googles Ranking nachempfindet und genau so datenhungrig ist wie Google.

Eine Alternative bieten meiner Meinung nach im Augenblick nur Meta-Such-Maschinen. Diese fragen andere Suchmaschinen ab, entfernen das unsinnige Marketingzeug und kombinieren bzw. reorganisieren die Suchergebnisse. Dabei nutzen sie oft weitere Spezialsuchmaschinen, die in ihren jeweiligen Nischen bessere Ergebnisse liefern als die großen zwei. Einziger Nachteil ist der, dass sie oft etwas langsamer sind (weil sie im Hintergrund andere Webseiten abfragen müssen).

Hier eine Auswahl an Metasuchmaschinen:

  • Die bekannteste deutsche Metasuchmaschine ist Metager. Leider ist sie was das Aussehen, die Geschwindigkeit, die abgefragten Suchmaschinen und die Features angeht nicht mehr sehr zeitgemäß.
  • Metager² versucht das besser zu machen ist aber leider extrem lahm und überzeugt in den Resultaten auch nur mäßig.
  • Eine interessante Alternative bietet die Metasuchmaschine duckduckgo.com. Einziger kleiner Nachteil ist, dass sie für die Standard-Web-Suche auf Microsoft Bing setzen. Allerdings wurden hier sehr viele Sepzialsuchen als Ergänzungen eingebunden. Darüber hinaus ist die Seite für eine Meta Suche extrem schnell, hat viele moderne Features und ist angenehm zu nutzen. Sie lässt sich u.a. auch auf die Sprache Deutsch einstellen und hat für die Paranoiden unter uns auch jede Menge Privacy-Einstellungen. Darüber hinaus gibt es eine witzige, bebilderte Erklärung was Google alles falsch macht. Diese enthält auch noch weitere Kritik-Punkte, die mich persönlich nicht so stark stören: http://dontbubble.us/

Bei der ersten Welle an „Neuerungen“ von Google und dem neuen dreispaltigen Layout hatte meine Frustration schon einmal das Niveau erreicht, an dem ich über Alternativen nachdachte. Ich hatte damals begonnen eine Art Google Proxy zu schaffen, der Google in das alte Layout zurückbringt und einige Features einbaute wie ich sie mir über Firefox-Plugins dazu geholt habe. Die Arbeit daran hatte ich jedoch als vermeintliche Zeitverschwendung abgebrochen. Inzwischen ist meine Frustration jedoch auf einem historischen Höchststand, ich fände es spannend, eine eigene Suchhistory aufzuzeichnen und habe einige Ideen, die bisher noch nirgends realisiert wurden. Vielleicht werde ich demnächst daran weiter arbeiten. Eines weiß ich aber jetzt schon: ich werde mir nicht einfach nur Google Ergebnisse schnappen und leicht umändern, sondern auch andere Suchmaschinen integrieren. Das Layout wird dabei, wenn dann nur noch entfernt, an meine frühere Nerd-Liebe erinnern. Was vorbei ist, ist vorbei! Google du hast es einfach versaut!!!! :-(